In ihrem Buch "Deutschlands sexuelle Tragödie" zeichnen Pastor Bernd Siggelow und Autor Wolfgang Büscher ein düsteres Bild: Aufgeklärt von Pornos, haben manche Kinder und Jugendliche heute zwischen elf und zwölf Jahren den ersten Sex. Mit 17 hatten einige bereits mehr Sexualpartner als manch Erwachsener in seinem ganzen Leben. Das Kennenlernen von Liebe und Zuneigung bleibt auf der Strecke.

Siggelow und Büscher vom Berliner Kinderhilfswerk "Arche" haben über 80 Kinder und Jugendliche begleitet und erlebt, wie stark ihr Alltag von Sex und Pornografie geprägt ist. Da berichten 17-jährige Mädchen, dass sie schon mit 51 Jungen Geschlechtsverkehr hatten und Gruppensex nicht unüblich war. 16-Jährige prahlen, schon mit über 80 Frauen geschlafen zu haben, meist ohne sich dabei um Verhütung zu kümmern. Die jungen Mädchen glauben, wenn sie nach dem Geschlechtsverkehr auf der Stelle gehen, könnten sie nicht schwanger werden, weil die Spermien dann in die "falsche Richtung" wandern. AIDS ist kein Thema.
Geht man der Frage nach, was die Eltern der Kinder davon halten, wird man enttäuscht. Schon Fünfjährige sehen zusammen mit ihren Eltern Pornofilme. Manche Eltern unterstützen ihre Kinder sogar dabei, schon früh und mit möglichst vielen Partnern Sex zu haben. Mädchen lernen von ihren Müttern, dass sie nur über ihren Körper Bestätigung bekommen und ihr Körper ihr wichtigstes Kapital ist. Schlimmer noch: Im Buch wird ein Fall geschildert, in dem eine Mutter im Beisein ihrer minderjährigen Tochter mit deren minderjährigen Freunden Geschlechtsverkehr hatte. Unwillkürlich fragt man sich, wo die Ursachen dieser fatalen Entwicklung liegen. Ernten wir jetzt vielleicht die Früchte der sexuellen Befreiung, die vor 40 Jahren begann?
Im Nachkriegsdeutschland wurde über Sex nicht gesprochen. Aufklärung fand nicht statt, weder zuhause noch im Schulunterricht. Die Jugendlichen hatten abenteuerliche Ansichten, wie Sex stattfindet. Der Geschlechtsverkehr war allein verheirateten Paaren vorbehalten, und die Pille wurde unmittelbar nach ihrem Erscheinen auf derm Markt nur an verheiratete Frauen mit Kindern verschrieben. An unverheiratete Paare durfte keine Wohnung vermietet werden. Was heute unglaublich klingt, war gesetzlich durch den "Kuppelei-Paragrafen" bei Strafe verboten. Wurde eine Wohnung an ein unverheiratetes Paar vermietet und dem Paar dadurch die Möglichkeit zum Geschlechtsverkerkehr geboten, machte sich der Vermieter der Kuppelei schuldig und musste mit Zuchthaus rechnen.

Erst die sexuelle Revolution im Zuge der 68er Bewegung bringt die heiß ersehnte Befreiung von der erzwungenen Enthaltsamkeit. Die Jugend rebelliert gegen die spießige Moral des Bürgertums. "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" ist einer der Schlachtrufe. Rainer Langhans, Uschi Obermeier und Dieter Kunzelmann, die vielleicht berühmtesten Bewohner der Kommune I (K1), werden zu Helden und Vorreitern dieser sexuellen Befreiung. Sie lassen sich nackt von Reportern fotografieren und leben ihre Sexualität offen aus: Sodom und Gomorrha in den Augen der schockierten Öffentlichkeit.

Überall in der Bundesrepublik entstehen nun Wohngemeinschaften, vorehelicher Sex wird toleriert und die Ehe als feste Institution in Frage gestellt. Der Kuppelei-Paragraf wird ein paar Jahre später gestrichen, genauso wie Paragraf 175 StGB, der die gleichgeschlechtliche Liebe als "widernatürliche Unzucht" bezeichnet. Homosexuelle können erstmals in der Öffentlichkeit auftreten, ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

In den folgenden Jahren setzt sich der Trend weiter fort. Die Medien entdecken das Thema, und die "Sexwelle" überrrollt die Bundesrepublik. Jugendzeitschriften klären Millionen Jugendliche auf. Aufklärungsreportagen, wie "Deine Frau, das unbekannte Wesen" oder "Schulmädchen-Report" finden massenhafte Verbreitung, und von Skandinavien aus beginnen pornografische Filme, ihren Siegeszug anzutreten. Die Sexualisierung der Gesellschaft nimmt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu und erreicht, wie es scheint, in der jüngsten Zeit einen vorläufigen Höhepunkt. Pornografische Inhalte erreichen über das Internet heute immer öfter auch Kinder und Jugendliche. Doch ist die Pornografie an der sexuellen Verrohung der Jugend schuld? Und ist die heutige Jugend überhaupt so sexuell verwahrlost, wie es sich im Buch Siggelows und Büschers darstellt?
Noch fehlen saubere wissenschaftliche Studien, welche den Einfluss von Pornografie auf Kinder und Jugendliche untersuchen. Im Jahr 2006 ergab eine Umfrage unter Jugendlichen, dass die Mehrheit erst zwischen 15 und 17 Jahren zum ersten Mal Sex hat. Die Mehrzahl gab auch an, zu verhüten. Sind die geschilderten Vorfälle also nur Einzelfälle, die in einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu in der Großstadt stattfinden?
Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter glaubt, dass die Fälle in Berlin kein spezielles Unterschichtenproblem sind, sondern auch die Mittelschicht betreffen. Er kommt zu dem Schluss, dass in vielen der Familien, egal welcher Bevölkerungsschicht sie angehören, der sexuellen eine familiär-soziale Verwahrlosung vorausgeht. Viele Kinder seien zwar materiell überdurchschnittlich gut ausgestattet, es fehle ihnen aber der emotionale Bezugsrahmen.
"Wenn Kinder und Jugendliche wissen, Männer und Frauen sind nicht einfach nur sexuelle Akteure sondern sind auch soziale Wesen, dann glaube ich, dass Pornografie keinen bleibenden Einfluss hinterlässt. Wenn das nicht der Fall ist, wenn Kinder und Jugendliche alleine gelassen werden, wenn sie Männer nur wahrnehmen als Sexpartner der Mutter, dann ist Pornografie etwas, was einen großen Einfluss hat."