Spätestens alle 15 Jahre muss der größte noch in Betrieb befindliche Gaskessel Europas in Revision. Nur dann ist er begehbar, leer gepumpt und gasfrei. Das Gasversorgungsnetz zu reparieren, ist nicht nur für die Stuttgarter Energieversorger eine Herausforderung: Im gesamten Bundesgebiet liegen über 400.000 Kilometer Gasleitung. Überall muss der gleiche Gasdruck herrschen. Wie aber hält man den Druck in den Leitungen während der Reparaturarbeiten konstant?
Das Gaswerk in Stuttgart-Gaisburg diente bis 1972 zur Stadtgaserzeugung durch Kohlevergasung. Seitdem wird dort Gas nur noch gespeichert. Das Wahrzeichen der Anlage ist der Gaskessel - der größte Scheibengasbehälter Europas, der noch in Betrieb ist. Als oberirdischer Speicher dient er zum Ausgleich kurzzeitiger Nachfrageschwankungen.

In der süddeutschen Gas-Zentrale in Stuttgart werden ständig Gasleitungen und Verbrauch überwacht. Wichtig dabei ist immer der Blick auf die Wettervorhersage. Denn wird es plötzlich kalt, heizen die Stuttgarter und verlangen kurzfristig nach mehr Gas - Reserven, die der Gasometer im Neckartal vorhalten muss. Der ursprüngliche Speicher wurde bereits 1928 bis 1929 als Scheibengasbehälter errichtet, aber 1944 bei einem Fliegerangriff vollständig zerstört. Erst vier Jahre nach Kriegsende baute die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) den Gaskessel mit den gleichen Maßen wie sein Vorgänger wieder auf: 100 Meter hoch und 67 Meter im Durchmesser. Bis heute ist der Gaskessel das Wahrzeichen von Stuttgarts Osten und steht als Technikmonument unter Denkmalschutz.

Im Innern des zylinderförmigen Kessels befindet sich eine 1000 Tonnen schwere kreisrunde Stahlscheibe. Sie wird von der einströmenden Gasmenge getragen, bewegt sich also wie ein Kolben in vertikaler Richtung.

Bei Verbrauchsspitzen sinkt die Scheibe nach unten. Lässt der Gasverbrauch nach, wird der Gasometer befüllt und die Scheibe schwimmt nach oben. Gleichzeitig sorgt das Gewicht der Scheibe für konstanten Gasdruck in den Leitungen.
Das wichtigste Element im Gasbehälter ist die Scheibenranddichtung. Sie garantiert die Beweglichkeit der Scheibe und verhindert den Gasaustritt nach oben. Doch spätestens alle 15 Jahre muss die Dichtung ausgetauscht werden. Dazu wird der Gasometer vollständig leer gepumpt, die Stahlscheibe liegt dann ganz unten auf dem Boden. Durch eine kleine Seitenluke betritt das Reparaturteam die Platte. Die Scheibenranddichtung ist eine Spezialkonstruktion aus geöltem Filz. Eingebettet in eine umlaufende Rinne schwimmt Teeröl in einem Filztuch, das durch mechanische Gewichtshebel an die Außenwand gedrückt wird. Das System garantiert Dichtigkeit und Beweglichkeit der Scheibe. Sobald die Rinne leer ist, wird auch jeder der 432 Hebel einzeln überprüft.

Erst wenn die Reparaturen an der Dichtung abgeschlossen sind, wird der Gasometer wieder in Betrieb genommen. Neues Gas wird eingelassen - 270.000 Kubikmeter passen in den Giganten. Die Befüllung dauert länger als einen Tag, für den Wartungstrupp Zeit zur ersten Dichtungs-Kontrolle. Im gefüllten Zustand ist der Zugang zur Scheibe jedoch nur noch von oben möglich. Hierfür ist ein Fahrkorb installiert, der von der Laterne aus zugänglich ist.

Schon nach den ersten Kubikmetern Gas im Tank wird überprüft, ob die Dichtung der schwimmenden Scheibe auch wirklich abschließt. Selbst nach dieser Wartung muss der Gasometer täglich von oben kontrolliert werden. Zur Sicherheit sind die Techniker dann immer zu Dritt. Wegen der gefährlichen Gasfüllung unter ihnen sind außerdem Masken vorgeschrieben.
Revisionen am Gasnetz werden möglichst im Sommer durchgeführt. Dann ist das Risiko der Unterversorgung am niedrigsten. Auch die Verdichterzentrale in der Nähe von Karlsruhe nutzt diese Zeit zum Austausch von verbrauchten Filtern.

Dazu wird der Kompressor abgeschaltet. Normalerweise bringt er das Gas auf 50 bar Druck. Alle 200 Kilometer sind solche Verdichter nötig, weil der Druck in der Pipeline unterwegs absinkt. Durch die Reibung im Rohr verliert das Gas an Druck. Immerhin ist es von Sibirien bis Deutschland zehn Tage unterwegs. Eine Art Flugzeugtriebwerk komprimiert das Gas wieder auf den Sollwert. Entsprechend laut geht es dort zu. Der Raum ist schallisoliert. Kein Mensch könnte ihn im laufenden Betrieb ohne Gehörschutz betreten.
Im gesamten Bundesgebiet liegen über 400.000 Kilometer Gasleitung. Und überall muss derselbe Gasdruck herrschen: von den fingerdünnen Hausleitungen die zum Gasherd führen, bis zu den dicken Überlandleitungen, den Gasautobahnen. Diese werden alle drei Wochen aus der Luft kontrolliert. Orangefarbene Schilder weisen den Weg. Wo Wegweiser unsichtbar sind, hilft die Satelliten gestützte Karte. Wer bauen will, muss sich vor Baubeginn nach unterirdischen Gasleitungen erkundigen. Beschädigt etwa ein Bagger eine Leitung, sind die Folgen katastrophal.
Wie im August 2007: Eine defekte Gasleitung hinterlässt bei Limburg an der Lahn ein Trümmerfeld. 100 Meter hohe Flammen schießen eine Stunde lang empor. Erdarbeiten in der Nähe haben die Leitung bersten lassen. Wie durch ein Wunder gibt es keine Toten.