Hauptnavigation:

Sie sind hier:

10. Februar 2012
 

Abenteuer Wissen

 
Tabletten auf einem Löffel. Quelle: mev
Medikamentenrückstände landen letzlich in der Kanalisation.

Abenteuer Wissen

Zeitbombe Trinkwasser

Bedrohliche Erreger in der Kanalisation

In deutschen Kliniken sterben jährlich über tausend Menschen an so genannten "multiresistenten Keimen", an Keimen also, die gegen Antibiotika immun geworden sind. Trotz großem Hygieneaufwand infizieren sich viele Patienten damit im Krankenhaus. Man vermutet, dass die gefährlichen Erreger über die Kanalisation des Krankenhauses sogar einen Weg nach draußen finden.

 
 
 
 

In Krankenhäusern wird viel Wert auf Sterilität, Desinfektion und Hygiene gelegt. Die Ansteckungsgefahr von Mensch zu Mensch soll auf diese Weise minimiert werden. Darüber hinaus bekommen Patienten Medikamente gegen die verschiedensten Krankheiten, die zusammen mit dem Urin oder Stuhl ausgeschieden werden. Alles zusammen, das heißt gefährliche Keime, Arzneimittelreste, aber auch Desinfektionsmittel und Röntgenkontrastmittel geraten auf diese Weise in die Kanalisation - und das in der Regel ohne spezielle Reinigung. Deshalb ist im Klinikabwasser die Konzentration von Medikamentenrückständen und Krankheitserregern besonders hoch.

 

Multiresistente Keime im Abwasser?

Die Folgen dieser Rückstände im Wasser sind verheerend: Desinfektionsmittel und Medikamentenrückstände wie Antibiotika im Abwasser vernichten auch nützliche Bakterien, die für die biologische Reinigung des Wassers wichtig sind. Immer mehr harmlose Bakterien entwickeln Resistenzen gegen zahlreiche Antibiotika. Auf diese Weise steigt das Risiko, dass auch gefährliche Keime widerstandsfähig und resistent werden und sich weltweit vermehren. Die Folge: Immunität der Keime gegen Antibiotika. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat deshalb einen Atlas veröffentlicht, in dem die Verteilung von Antibiotikaresistenzen in Deutschland aufgeführt wird.

 
 
Dr. Wolfgang Kohnen. Quelle: ZDF
ZDF
Dr. Wolfgang Kohnen

Den Krankheitskeimen auf der Spur

Dr. Wolfgang Kohnen von der Uniklinik Mainz ist den Verbreitungswegen gefährlicher Krankheitskeime auf der Spur. Seine Untersuchungen von Abwasserproben des Krankenhauses sollen Klarheit schaffen. Denn hier landen die Ausscheidungen vieler Kranker, und damit auch Keime und Rückstände von eingenommenen Medikamenten.

Dr. Kohnen und seine Mitarbeiter zielen bei ihren Analysen der Abwasserproben auf multiresistente Keime ab. Das sind Keime, die gegen viele Arten von Antibiotika resistent geworden sind und damit eine besondere Gefahr für Kranke darstellen. Das schränkt langfristig die Behandlung von Patienten stark ein, weil für eine Therapie immer weniger Mittel zur Verfügung stehen.

 

Gefährlicher Kreislauf

Dr. Kohnens Ergebnisse lassen darauf schließen, dass sich gefährliche Keime im Abwasser des Krankenhauses befinden. Über die Kanalisation und Kläranlagen gelangt das scheinbar gereinigte Wasser wieder in unsere Flüsse und Seen. Wie sich die resistenten Keime ausbreiten, ist noch nicht erwiesen. Immerhin wurden sogar "Resistenz-Gene im Trinkwasser nachgewiesen, aber nicht die dazugehörigen Krankheitserreger. Das heißt, zurzeit ist noch keine Gefahr, es zeigt aber, was uns in Zukunft erwarten wird", erklärt Dr. Wolfgang Kohnen. Resistente Keime müssen unter Kontrolle bleiben, damit sie nicht ins Trinkwasser gelangen.

 

In einer Pilotanlage sollen die Krankheitskeime an der Quelle gestoppt werden: im Klinikabwasser. Hierzu werden die Keime mit elektrischen Ladungen beschossen, um sie zu zerstören. Erste Werte zeigen Erfolge, ein Großteil der Keime lässt sich so vernichten. Doch die Medikamentenrückstände schwimmen immer noch im Wasser.

Prof. Pinnekamp. Quelle: ZDF
ZDF
Prof. Pinnekamp

Das Problem am Ursprung anpacken

Damit Keime erst gar nicht gegen Antibiotika resistent werden, müssen solche Medikamente aus dem Wasser geholt werden, bevor sie in die Umwelt gelangen. Prof. Pinnekamp setzt hierfür am Kreiskrankenhaus Waldbröl eine Membranbelebungsanlage ein. Diese funktioniert wie eine Kläranlage: Inhaltsstoffe werden von Bakterien "gefressen", das gereinigte Wasser dann mittels einer Membran vom Rest getrennt. Aber die kann nicht alle Reststoffe zurückhalten. Ein zusätzlicher Schritt muss Abhilfe schaffen.

 

Als besonders erfolgreich hat sich die Umkehrosmose erwiesen. Das Wasser wird mit großem Druck durch eine dichte Kunststoffmembran gepresst. Die Verunreinigungen bleiben als Konzentrat zurück. Das Problem: Ihre Entsorgung ist kostspielig und damit nicht rentabel. Aber es gibt auch Lichtblicke, denn Forscher arbeiten an der Entwicklung umweltverträglicher Medikamente, die erst gar keine Rückstände hinterlassen.

Chemie im Wasser

Die Sensibilität mancher Tiere hat schon vor Jahrzehnten wissenschaftliche Erkenntnisse befördert - das hat sich auch heute nicht geändert. Südafrikanische Krallenfrösche reagieren auf kleinste Mengen von Chemikalien im Wasser. Bestimmte chemische Substanzen wie Pflanzenschutzmittel haben extreme Auswirkungen auf ihr Hormonsystem. Setzt man Kaulquappen solchen Einwirkungen aus, wachsen sie zwar weiter, entwickeln sich jedoch nicht zu Fröschen. Über längere Zeit lassen sich sogar Verweiblichungs- und Entmännlichungserscheinungen bei den Kaulquappen feststellen. Ein Zeichen dafür, dass manche Chemikalien wie Hormone wirken.

 

Ob Medikamentenrückstände oder Chemikalien - unser Wasser ist voll von Substanzen, die auf dem Weg zum Trinkwasser nicht abgebaut werden können. Ihre Wirkung auf Menschen ist noch nicht geklärt, aber die Forschung ist in vollem Gange.

 
 
  • del.icio.us
  • digg
  • facebook
  • twitter
  • myspace
  • mrwong
  • webnews
  • yigg