Anfang der 90er Jahre hat sich ein Schwarzmarkt und illegaler Atomschmuggel unbekannten Ausmaßes etabliert. Welche Gefahr droht, wenn Terroristen atomwaffenfähiges Material in den Händen haben? US-Präsident Barack Obama hat beim jetzigen G8 Gipfel in L'Aquila in Italien dem illegalen Atomhandel den Kampf angesagt und ein neues Spitzentreffen für die atomare Sicherheit im nächsten Jahr angeregt. Die Terrorgefahr hat eine neue Dimension erreicht. Diese Gefahr ist eine Bedrohung für die Weltsicherheit.
Atomkraftwerke sind auch deshalb umstritten, weil sie den Bau der Atombombe möglich machen. Die Gefahr, dass sie in die falschen Hände gelangt, ist groß. Der Schmuggel mit Nuklearmaterial boomt und gehandelt wird mit allem, was strahlt. Zollbehörden und Polizei stellen immer wieder radioaktives und sogar waffenfähiges Material sicher. Manchmal sind es nur ein paar Gramm, manchmal mehrere Kilogramm.


Der mögliche Zweck des schwunghaften Handels lässt den verantwortlichen Fahndern das Blut in den Adern gefrieren. Schmutzige Bomben oder gar Atombomben in der Hand von Terroristen? 27.000 atomare Sprengköpfe existieren heute auf der Erde, von denen schätzungsweise 11.000 rund um die Uhr startklar sind. 2000 Kubikmeter waffenfähiges Nuklearmaterial befindet sich an ungesicherten Orten. Über den gesamten Erdball lagern hoch radioaktive Substanzen in Kernkraftanlagen, Unternehmen, Forschungsinstituten, Kellerräumen oder Schuppen.
Dr. Mohammed elBaradei, Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde: "Wir müssen alles tun, damit extremistische Gruppen nicht in den Besitz nuklearer Waffen gelangen. Ich bin zutiefst überzeugt, sie würden sie einsetzen. Wir wissen, es gibt ein großes Risiko. Wir haben viel zu tun, und sind einfach nicht schnell genug." Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen schon ein Ziel im Auge haben, ist hoch. Diese Lage versetzt Sicherheitsexperten weltweit in höchste Alarmbereitschaft.


Seit dem Ende der ehemaligen UdSSR hat sich die Lage verschärft. So ist immer wieder über gravierende Sicherheitsmängel bei der Lagerung von Nuklearmaterial und dem Betrieb kerntechnischer Anlagen berichtet worden. Außerdem hat in den 90er Jahren die russische Armee Tausende von Atomwaffen demontiert. Seit dieser Zeit ist mehr nukleares Material im Umlauf. Vermutet wird, dass dabei so genannte "Koffer-Atombomben" verloren gingen.
Alexander Lebed, ehemaliger Sicherheitsberater von Boris Jeltzin, bestätigte dies im amerikanischen Fernsehen. Er wisse, dass etwa 100 von 250 Waffen nicht mehr unter Kontrolle der russischen Armee seien. Niemand weiß, wo sie sind - ob sie zerstört, versteckt, verkauft oder gestohlen wurden - Zündstoff im wahrsten Sinne des Wortes.

Europol, Interpol und der Internationalen Atomenergiebehörde waren seit Anfang der 90er Jahre bis 2006 waren 1500 Fälle von Atomschmuggel bekannt. Sie sind in einer Datenbank gespeichert. Doch das, so glauben Experten, ist nur die Spitze des Eisbergs. Bei der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien gehen mehrmals im Jahr Hinweise und Anzeigen über illegale Funde von radioaktiven und nuklearen Substanzen aus der ganzen Welt ein. Die Mitarbeiter haben rund 1000 offiziell bestätigte und 800 unbestätigte Verluste in ihre Statistik aufgenommen. Vor allem seit dem Zusammenbruch der Nuklearmacht Sowjetunion stellen Fahnder immer wieder gefährliches Material sicher.

Die Fahnder der Atombehörde gehen jeder Spur nach, die ihnen gemeldet wird. Manchmal stoßen sie auch zufällig auf radioaktiven Abfall. 2002 entdeckten die Ermittler in einem georgischen Dorf eine radioaktive Strahlenquelle. Metall, verseucht mit hochradioaktivem Cäsium. Über die Herkunft gibt es nur Mutmaßungen.
Auf dem Münchner Flughafen flog im August 1994 der größte Plutoniumschmuggel auf. Die Polizei beschlagnahmte mehrere hundert Gramm atomwaffenfähiges Nuklearmaterial. Ein Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestags überprüfte, welche Rolle der Bundesnachrichtendienst (BND) bei der Plutionium-Affäre gespielt hat.

Die Aufgabe der Atomenergiebehörde ist, die Verbreitung von Nuklearwaffen zu verhindern und gleichzeitig die zivile Nutzung der Kernenergie zu fördern. Doch Atomtechnik lässt sich generell nicht als zivil oder militärisch klassifizieren. Geraten atomare Substanzen in die falschen Hände, besteht eine reale Bedrohung durch Nuklearterrorismus.
Ohne großes Fachwissen kann einem konventionellen Spreng- oder Brandsatz strahlendes Material beigefügt werden. Solch eine "schmutzige Bombe" verteilt das radioaktiv verseuchte Nuklearmaterial über ein unterschiedlich großes Gebiet. Der Sprengsatz hat zwar nicht die Kraft einer Atombombe, würde aber ein Gebiet im Umkreis von einigen hundert Metern radioaktiv verseuchen.
Experten befürchten, dass sich Nuklearmaterial längst in den Händen terroristischer Gruppen befindet. Ein Albtraum nicht nur für die Sicherheitsbehörden. Die Bedrohung durch Nuklear-Terrorismus gehört zu den Schreckensvorstellungen unserer Zeit. Aus diesem Grund versuchen die Geheimdienste und Sicherheitsbehörden den Schmuggel auch von winzigsten Mengen radioaktiver Substanzen zu verhindern.