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10. Februar 2012
 

Abenteuer Wissen

 
Alte Fotografie von Großelternpaar. Quelle: ZDF
Welchen Einfluss hat das Leben der Großeltern auf nachfolgende Generationen?

Abenteuer Wissen

Dicker Opa -
kranke Enkel

Fragwürdige Statistik oder Revolution der Genetik?

Die Entdeckung eines schwedischen Sozialmediziners droht unser Weltbild zu verändern: Im Gegensatz zu den Lehren Charles Darwins lassen sich den Thesen von Lars Olov Bygren zufolge auch Erfahrungen weiter vererben - ohne Beteiligung der Gene.

 
 
 
Professor Lars Olov Bygren. Quelle: ZDF
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Lars Olov Bygren findet interessante Informationen im Archiv von Umea.

Studien im Nationalarchiv an der schwedischen Universität Umea bringen Erstaunliches zutage. Seit dem 19. Jahrhundert werden in Schweden Bevölkerungsregister geführt, in denen Geburten, Sterbefälle mit Todesursache, chronische Erkrankungen - aber auch Missernten oder besonders fruchtbare Jahre verzeichnet sind. Professor Bygren findet bei seinen Forschungen heraus, dass Menschen, die nach Hungersnöten geboren wurden, kleiner waren als der Durchschnitt - ein Befund der aus anderen Regionen bekannt und nicht weiter aufregend ist.

Keimzellen als Postboten

Ein anderer statistischer Zusammenhang dagegen erregt seine Aufmerksamkeit. Auf den ersten Blick scheint er ein Schlag ins Gesicht aller Darwinisten zu sein: Wenn der Großvater gehungert hatte, wirkte sich das noch in der Enkelgeneration aus - und zwar ganz anders als erwartet: Der Hunger des Großvaters verlängert das Leben der Enkel, da sie widerstandsfähiger sind. Völlerei dagegen kann noch zwei Generationen später zu Diabetes führen. Der britische Humangenetiker Marcus Pembrey kommt in seinen Studien zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Beide Forscher intensivieren die Untersuchungen und stoßen auf eine weitere statistische Besonderheit: Wenn der Großvater kurz vor seiner Pubertät gehungert hatte, waren die Auswirkungen auf die Enkel besonders groß. Bei der Großmutter dagegen liegt die entscheidende Phase wesentlich früher.

Professor Marcus Pembrey. Quelle: ZDF
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Marcus Pembrey ist einer der wenigen, die Bygren unterstützen.
Charles Darwin. Quelle: ZDF
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Charles Darwins Theorie wird auf den Kopf gestellt.

Diese Erkenntnis bringt Bygren und Pembrey auf die Spur von Samen- und Eizellen. Während die ersten Spermien beim Mann kurz vor der Pubertät entstehen, bilden sich die weiblichen Eizellen schon sehr viel früher, bereits im Fetus-Stadium. Die Forscher folgern daraus: Umwelterfahrungen werden zu dem Zeitpunkt gespeichert, an dem sich erste Keimzellen bilden. Pembrey präzisiert diesen These auf der Basis weiterer Beobachtungen. Er vermutet dass der unmittelbare Einfluss der Lebensweise einer Generation auf das Wohlbefinden der nächsten oder übernächsten hauptsächlich über die väterliche Linie erfolgt.

Neue Wissenschaft

Da sich keine genetischen Veränderungen nachweisen lassen, gilt für Pembrey das männliche Y-Chromosom in erster Linie als Träger dieser erstaunlichen Form der Vererbung: "Die Evolution hatte dafür gesorgt, dass Eizellen und Spermien auch Informationen über die Umwelt weitergeben können. Wenn ein Baby zur Welt kommt, ist es bereits an die Lebensbedingungen seiner Vorfahren angepasst. Das stellt die Debatte über Umwelteinfluss und genetische Veranlagung komplett auf den Kopf."

 

Infobox

Charles Darwins Evolutionstheorie:

Ein Besuch der Galapagosinseln legte den Grundstein für Darwins Theorie. Nicht nur das Aussehen ihm aus anderen Gegenden bekannter Tiere war anders - auch ihr Verhalten hatte sich den Gegebenheiten der Inseln angepasst. Daraus zog er die Schlussfolgerung, dass alle Arten natürliche Variationen aufweisen. Von denen haben aber nur diejenigen Bestand, die gut an die jeweilige Umwelt angepasst sind. Mutationen entstehen zufällig. Nur dann, wenn sie einen Vorteil bringen, werden sie sich allmählich verbreiten. So können durch Mutation und Selektion in einem jahrtausendelangen Prozess neue Arten entstehen.

Kopf steht auch das Weltbild zahlreicher Kollegen der beiden Wissenschaftler. Pembrey und Bygren berichten von vermeintlicher Arroganz und Ignoranz, die ihnen infolge ihrer Forschungen begegnet sei. Andere Forscher, die sich mit den Thesen ernsthafter beschäftigen, sehen zwar auch den statistischen Zusammenhang, nicht aber den wissenschaftlichen Nachweis. Dafür fehle einfach der experimentelle Beweis, der beispielsweise im Erbgut der beschriebenen Personen gefunden werden könnte - ein aussichtsloses Unterfangen bei vor Jahrzehnten Verstorbenen, von denen niemand mehr weiß, wo genau sie begraben liegen. Trotz dieser Bedenken attestieren die Kollegen aber Pembrey und Bygren, dass sie möglicherweise auf etwas jenseits der Gene gestoßen sind, dass auch bei ihrer Theorie ein neuer Wissenschaftszweig eine Rolle spielt: die Epigenetik.

 
 
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