In der Lichtensteinhöhle im Südharz wurden menschliche Überreste aus der Bronzezeit geborgen. 40 Menschen waren hier bestattet worden. Schon während der Grabungen überlegten die Experten, ob Nachfahren der Höhlenmenschen aus der Bronzezeit noch heute in den Dörfern leben? Die Knochen und Zähne waren so gut erhalten, dass die Wissenschaftler vom Göttinger Institut für historische Anthropologie genetische Fingerabdrücke erstellten, um verwandtschaftliche Beziehungen einzuordnen. Ein öffentlicher DNA-Test führte zu einer ungewöhnlichen Familienzusammenführung nach Jahrtausenden.
Der Ursprung der heutigen Dörfer am Fuße des Lichtensteins geht schon auf vorrömische Zeit zurück. Das beweisen archäologische Siedlungsspuren. Dieser Aspekt gibt den Ausschlag für eine besondere Spurensuche und ungewöhnliches Forschungsprojekt.

Die Lichtensteinhöhle wurde bereits 1972 entdeckt. Das schwer zugängliche Höhlensystem hat eine Länge von 115 Meter. Schon in den 80er Jahren haben Höhlenforscher menschliche Knochen und Schmuck in der verwinkelten Kulthöhle gefunden.

Deshalb wurde der Eingang zur Höhle mit einer Eisentür verschlossen. 1992 brachen Raubgräber in einer Nacht- und Nebelaktion die Tür auf und richteten in der Höhle großen Schaden an. Um weitere Einbrüche zu verhindern, finanzierten die Behörden des Kreises Osterode offizielle Grabungen. Die leitete ab 1993 der Kreisarchäologe Dr. Stefan Flindt.
Die Lichtensteinhöhle war in der Zeit um 900 bis 700 v. Chr. ein jungbronzezeitlicher Kultplatz. Anhand der Funde konnte der Grabungsort in die Urnenfelderzeit datiert werden. Die Archäologen fanden Skelette von 38 Menschen und Bronzeschmuck.

Einige Höhlenkammern waren mit Moos, Gras und Stroh gepolstert. An etwa 15 Feuerstellen ließen Gefäße, Scherben und Essensreste auf rituelle Zeremonien schließen. Die Vermutung, dass es sich um eine Kult- und keine Menschenopferstätte gehandelt hat, konnte zweifelsfrei belegt werden, denn Schnitt- und Brandspuren befanden sich nur auf Tierknochen.

Die Knochenfunde waren besonders gut erhalten, weil im Höhleninneren eine gleichmäßig niedere Temperatur von sieben bis acht Grad Celsius herrschte. Die Menschenknochen waren unversehrt und stammten von etwa 40 Individuen. Auf den ersten Blick waren die Höhlenmenschen gesund und wohl genährt, bis ins hohe Alter. Das deutete alles auf eine privilegierte Elite hin.

Das kalkhaltige Wasser in der Höhle hat die Knochen vor dem Verfall geschützt. Das Wasser war auf die Gebeine getropft und verdunstet. Eine Kalkschicht umhüllte die Knochen. Kalk hat einen basischen ph-Wert von durchschnittlich sieben bis acht. Das war für die Forscher ein besonderer Glücksfall, denn im Bereich dieses Wertes bleibt die DNA der Knochensubstanz stabil und zersetzt sich nicht.

Dr. Flindt ließ alle Knochenfunde der Höhle molekularbiologisch untersuchen. Den Anthropologen reichen wenige Milligramm der Knochensubstanz, um die DNA zu isolieren. Durch die systematische DNA-Analyse konnte man die Knochen den einzelnen Individuen zuweisen, ihr Geschlecht bestimmen, genbedingte Krankheiten und verwandtschaftliche Beziehungen herausfinden. Dr. Susanne Hummel vom Göttinger Institut für Anthropologie, eine weltweit gefragte Expertin, übernahm die historische DNA-Untersuchung und erstellte die genetischen Fingerabdrücke zu fast allen Toten der Lichtenstein-Höhle. Spezielle DNA-Marker deuten auf Hauttyp, Augen- und Haarfarbe der Menschen aus der Vorzeit.

Dr. Hummel: "Das Besondere an der Lichtensteinhöhle ist, dass wir durch die genetischen Analysen einen Familienclan identifizieren konnten, drei Generationen Großeltern, Eltern und die Enkel. Wir fanden drei Personen, die ein annähernd identisches Gen-Muster haben." Die Analyse belegt, dass alle Toten zu einem Familienverband gehörten, die Männer aus der Lichtensteinhöhle haben ein ganz spezifisches Gen-Muster.

Die Forscher fragten sich, ob noch Nachfahren der Höhlenmenschen in der Region leben. Ein Aufruf zu einem Speicheltest stieß auf großes Interesse. Aufgerufen waren Familien, die mindestens seit drei Generationen in der Gegend lebten. Rund 300 Alteingesessene stellten sich freiwillig der Wissenschaft zur Verfügung. Sechs Dörfer beteiligten sich an der einzigartigen Aktion. In Göttingen fand Dr. Hummel im Abgleich mit den Speichelproben der heutigen Dorfbewohner einen einzigartigen Befund.
Es gibt noch Nachkommen der bronzezeitlichen Höhlenmenschen. Der genetische Fingerabdruck mit dem besonderen Gen-Code in der väterlichen Familienlinie ergab den Nachweis der ältesten genetisch nachweisbaren Großfamilie der Welt. Damit konnte erstmals ein rund 3000 Jahre altes Verwandtschaftssystem rekonstruiert werden. Die direkten Nachfahren sind ein Berufsschullehrer und ein Landvermesser, die in verschiedenen Dörfern leben. Seit rund 120 Generationen sind sie miteinander verwandt.