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Naturschönheiten in Island. Quelle: ZDF/ Marcel Weingärtner
Gefährdete Naturschönheiten auf Island

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Fluch und Segen Islands

Billiger Strom auf Kosten der Natur?

Mithilfe seiner natürlichen Energiequellen produziert Island günstigen Strom im Überfluss und lockt so energiehungrige Industriezweige ins Land. Doch die ungezügelte Ausbeutung seiner Energiequellen hat fatale Folgen für die Tierwelt und die unberührte Landschaft. In der Bevölkerung regt sich daher seit einigen Jahren Widerstand gegen die Pläne von Politik und Wirtschaft. Umweltverschmutzung wird nun erstmals auch für die Isländer zum Thema.

 
 
 
 

Islands größter Schatz sind seine Energiequellen. Die vulkanische Hitze aus dem Untergrund und die gewaltigen Gletscherflüsse des Landes bergen ein ungeheures Energiepotential. Der flächenmäßig zweitgrößte Inselstaat Europas ist in der Lage, rund 70 Prozent seines gesamten Energiebedarfs und über 99 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Dabei werden 80 Prozent des Stroms aus Wasserkraft und 20 Prozent aus Geothermalanlagen gewonnen.

Energie im Überfluss

Den großen Kraftwerks- und Energieprojekten ist es unter anderem auch zu verdanken, dass das Land in den 90er Jahren einen Wirtschaftsaufschwung erlebt. Und weitere Riesenbauprojekte stehen an, denn viele energieaufwändig produzierende Industrien, allen voran die Aluminium-Industrie, sind auf die billige, im Überfluss vorhandene Energie aufmerksam geworden und investieren fleißig auf der Insel. Die Produktion scheint sich zu lohnen, obwohl der für die Aluminiumherstellung notwendige Rohstoff Bauxit auf Island nicht vorhanden ist. Er muss aus Ländern wie Australien oder Brasilien per Schiff nach Island transportiert werden. Das fertige Aluminium wird dann wiederum von Island aus in alle Welt verschifft.

 

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Aluminiumherstellung

Bauxit ist das Grundmaterial zur Herstellung von Aluminium. Aus Bauxit wird unter hohem Energieaufwand Aluminiumoxid raffiniert. Aus dem Aluminiumoxid wird dann per Schmelzflusselektrolyse Aluminium hergestellt. Da der Schmelzpunkt von Aluminiumoxid sehr hoch ist, ist der Elektrolysevorgang extrem energieaufwändig. Pro Tonne Aluminium sind rund 14.000 Kilowattstunden elektrische Energie notwendig. Mit dieser Energiemenge könnte man auch vier Tonnen Papier herstellen oder 27 Tonnen Glas.

 


Um die Energie für die Anlagen zu erzeugen, sind vor allem große Staudammprojekte geplant, denn Wasser ist eine der schier unerschöpflichen Energiequellen Islands. Reichlich Niederschläge und Gletscherwasser speisen mächtige Flüsse, so dass Staudämme sinnvoll erscheinen. Die haben aber auch erhebliche, negative Auswirkungen auf die Umwelt.

 

Der größte Staudamm Europas

Das umstrittenste Bauwerk in diesem Zusammenhang ist der 2006 fertiggestellte Kárahnjúkar-Staudamm im Osten Islands. Es ist der größte Staudamm Europas. Nicht nur dass der Damm auf seismisch instabilem Untergrund gebaut wurde: Der Staudamm steht auch auf der schwarzen Liste der Staudämme des World Wide Fund for Nature (WWF), denn er entspricht nicht den ökologischen und sozialen Standards der Weltkommission für Staudämme (WCD).

 
Bauarbeiten am Kárahnjúkar-Staudamm. Quelle: ZDF
ZDF
Bauarbeiten am Kárahnjúkar-Staudamm
 

Schon während der Bauphase gab es größere Protestaktionen. Demonstranten ketteten sich an die Baumaschinen, um die Fertigstellung zu verhindern. Allen Kritiken zum Trotz hat der US-Aluminiumkonzern Alcoa unter finanzieller Beteiligung der Deutschen Bank und anderer Geldgeber den Damm 2006 fertiggestellt. Ungefähr 50 bis 60 Quadratkilometer Land wurden seitdem geflutet, rund 70 Wasserfälle sind verschwunden sowie wertvolle Weideflächen für die letzten wilden Rentiere.

 

Islands Schönheit bewahren

Spätestens das Kárahnjúkar-Projekt hat auch den letzten der rund 316.000 Einwohner der Insel aufgerüttelt. Eine grüne Protestbewegung hat sich formiert und kämpft seitdem gegen den Bau neuer Aluminiumfabriken und der dazugehörigen Kraftwerke. Ihr Ziel ist es, die fast unberührten Naturschönheiten Islands zu bewahren.

 
Aluminium-Fabrik. Quelle: ZDF
ZDF
Aluminium-Fabrik auf Island
Die isländische Sängerin Björk. Quelle: ap
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Sängerin Björk

Unterstützt wird die Bewegung durch Prominente wie den TV-Filmer Ómar Ragnarsson, Schriftsteller Andri Snaer Magnason und Björk Gudmundsdottir. Die weltweit bekannte Sängerin denkt sogar daran, einen speziellen Umweltfonds zu gründen, um Islands Wirtschaft mit umweltverträglichen Lösungen wieder auf die Beine zu helfen. Doch das Land braucht durch die Mitte 2008 eingetretene Finanz- und Wirtschaftskrise dringend Devisen, und so wird der Ruf nach schnellen und einträglichen Geldquellen lauter.

 

Durchlöchtere Insel

Für die geplanten neuen Aluminium-Kraftwerke sind neben Staudämmen auch weitere Geothermie-Kraftwerke geplant. Aber auch diese Kraftwerke, so der Schriftsteller Magnason, werden die Natur zerstören. Der Lärm der Anlagen ist schon von weitem zu hören. Durch den enormen Druck der heißen Gase sind die Bohrstellen so laut wie Flugzeugturbinen. Und für jede einzelne Fabrik müssen zwischen 60 bis 100 Löcher in die Erde gebohrt werden, auch in landschaftlich wundervollen Gebieten rund um Reykjavik.

 
Geothermie-Bohrlöcher. Quelle: ZDF
ZDF
Heiße Gase strömen aus den Geothermie-Bohrlöchern
 

Abgesehen von Devisen hat Island kaum weitere Vorteile vom Bau der Industrie- und Stromversorgungsanlagen. Magnason schätzt, dass selbst wenn Island alle Flüsse staut und alle geothermalen Quellen nutzen sollte, trotzdem für nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung neue Arbeitsplätze in der Aluminium-Industrie entstehen. Die Anlagen laufen meist automatisiert, und den Bau der Anlagen übernehmen meist ausländische Firmen und billige ausländische Arbeitskräfte, die das Land danach wieder verlassen.

Schriftsteller Andri Snaer Magnason. Quelle: ZDF
ZDF
Schriftsteller Andri Snaer Magnason

Alte und neue Abhängigkeiten

Der Schriftsteller warnt auch davor, sich nur auf eine Wirtschaftsquelle zu verlassen. Schon einmal habe sich Island auf die scheinbar krisenfeste Fischindustrie festgelegt. Fast jede zweite isländische Familie lebte Jahrzehnte lang vom Fischfang. Heute sei diese Einkommensquelle unter anderem durch rückgängige Fangquoten nicht mehr sicher, und viele hoffen, in der schnell wachsenden Aluminiumindustrie wieder Sicherheit zu finden. Was jedoch eher eintreffen werde, so Magnason, sei, dass die Regierung von den Milliardendollar Investitionen, die aus der Aluminium-Industrie ins Land fließen, abhängig werde.

Magnason will nun mit einem Film seine Landsleute aufklären und aufrütteln. Sind Islands Naturschauspiele bald nur noch auf der Leinwand zu sehen? Die Bürger der Insel müssen jetzt eine wichtige Entscheidung treffen, wie sie mit ihren größten Schätzen Energie und Natur umgehen. Doch lange können sie nicht mehr warten. Denn die isländische Krone ist äußerst günstig geworden, und die energiehungrigen Firmen kaufen sich weiter ein.

 
 
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