Seit Jahrzehnten geistert die Meldung durch die Medien: Die Meere sind so gut wie leer gefischt. Einige Optimisten sehen mittlerweile diesen dramatischen Trend als zumindest gebremst an. Trotzdem bleibt das eigentliche Problem bestehen, wie die steigende Anzahl von Menschen mit Fisch, also notwendigen Proteinen und wertvollen Fettsorten, versorgt werden kann. Einige Maßnahmen aus den vergangenen Jahren haben sich als sinnlos, wenn nicht sogar schädlich herausgestellt.
Die Europäische Gemeinschaft hat zum Schutz der Fischbestände in der Nord- und Ostsee einige Arten unter besonderen Schutz gestellt. Ihr Überleben sollte durch Fangquoten gewährleistet werden. Auch in der EU regeln diese Quoten die Menge und Dauer des Fangs und betreffen sogar frühere "Allerweltsfische" wie Heringe und Kabeljau.

Doch wie viele Projekte des Natur- oder Artenschutzes kollidiert auch dieses mit massiven wirtschaftlichen Interessen und führt zu ausgeprägten Eiertänzen nationaler Politiker. Ein Beispiel hierfür bot im Januar 2008 der französische Staatspräsident Nikolas Sarkozy, der "seiner" Fischfangindustrie versprach, sich für die Abschaffung der Quote einzusetzen. Sein Landwirtschaftsminister ruderte prompt zurück, so sei das nicht gemeint gewesen.
Bereits einen Monat zuvor nutzte Greenpeace die Quotendiskussion für eine spektakuläre Aktion: Einen Tag vor der Verkündigung der neuen Fangmengen durch die Fachminister in Brüssel, mauerten Aktivisten die Eingänge des EU-Ratsgebäudes zu unter dem Motto: "Wegen Überfischung geschlossen". Sie protestierten damit gegen die ihrer Ansicht nach jahrelang zu hohen Fangquoten. Doch so schnell diese Aktion beendet war, so wenig erfolgreich war sie auch: Die Fischereiminister einigten sich auf eine Senkung der Kabeljau-Quote um 18 Prozent statt der von der EU-Kommission geforderten 25 Prozent, da sich die Bestände erholt hätten.

Eine logische Konsequenz zu hoher Fangquoten: Nord- und Ostsee bieten nicht mehr ausreichende Mengen an Fisch. Also bewegen sich die riesigen Fischtrawler in Richtung Süden, vor die Küste Westafrikas. Dort finden sie die begehrte Ware, selbst in der eigentlich für nationale Fischerei reservierten 12-Meilen-Zone. Doch nur einige der Trawler fischen hier illegal. Die schwimmenden europäischen Fischfabriken handeln völlig legal, da die EU mit fast allen westafrikanischen Küstenstaaten ein Abkommen geschlossen hat.
Dass das nicht unbedingt fair gestaltet wurde zeigt sich daran, dass Mauretanien mit einem Schlag seiner Auslandsschulden ledig wäre, würde es die Edelfische selbst vermarkten. So hat es aber für wenig Geld nur die Rechte verkauft und ein Europäer verdient sich eine goldene Nase - nachdem er vorher bereits von der EU Millionen an Subventionen für seinen Trawler eingestrichen hat.

Der Raubbau vor den Küsten Afrikas hat auch unmittelbare Konsequenzen auf die Sozialstruktur der Staaten. Jahrhunderte lang lebten an deren Küsten die Menschen vom Fischfang. Seit einiger Zeit bleiben ihre einfachen Netze allerdings immer öfter leer; ihr Grundnahrungsmittel wurde längst im Bauch der riesigen europäischen Fischtrawler filetiert, abgepackt und tiefgekühlt - fertig für die Reise nach Europa. Und es soll tatsächlich noch Menschen geben, die sich über "verwegene" Afrikaner wundern, die in einer Nussschale versuchen, die Küste der Kanarischen Inseln zu erreichen...
Ein anderer Weg, die Versorgung Europas mit Fisch aufrecht zu erhalten, wird seit einigen Jahren insbesondere in Norwegen beschritten. Stichwort: Fischfarmen. Da besonders der begehrte Lachs immer seltener wurde, entstanden in den tiefen und langen Fjorden des Landes zahlreiche Zuchtanlagen des Edelfisches - mit bemerkenswerten Konsequenzen: Zunächst, aus Verbrauchersicht sehr begrüßenswert, fiel der Preis des früheren Edelfisches in dramatische Tiefen. Aus dem Feiertags-Schmaus (Räucherlachs zu Weihnachten!) wurde ein banaler Snack aus dem Discounter.

Doch die Freude währt nicht lange, schaut man sich den gezüchteten Lachs und seine Farm etwas näher an. Sein Fleisch ist zwar charakteristisch rosa, doch stammt die Farbe aus dem Labor. Das enge Zusammenleben mit Artgenossen fördert die Krankheitsanfälligkeit, die Tiere sind überzogen von ekelerregenden Parasiten. Dagegen helfen nur Medikamente. Zwar ist der Einsatz von Antibiotika mittlerweile begrenzt, doch Reste davon sind immer noch nachweisbar. Zur Aufzucht von einem Kilogramm Lachs ist die Zufütterung von etwa vier Kilogramm Fischmehl nötig, ein deutliches Missverhältnis. Und das Fischmehl stammt oftmals aus den Fängen vor Afrika - Konsequenz: siehe oben.
Die Fjorde Norwegens wurden als Zuchtgebiete ausgewählt, da sie den Stürmen der Nordsee nicht allzu sehr ausgesetzt sind und so keine Schäden an den Anlagen zu befürchten sind. Dieser Vorteil kehrt sich allerdings nun in einen eklatanten Nachteil um: Durch die fehlende Meeresbewegung werden die Tonnen an Fäkalien nicht ins offene Meer gespült, sondern verbleiben in der engen Bucht. 200.000 Lachse erzeugen den gleichen Unrat wie 20.000 Menschen, der sich am Meeresgrund absetzt. Der Boden unter den Lachsfarmen kann als biologisch tot bezeichnet werden.
Sind also alle Projekte gescheitert? Gibt es wirklich keinen Weg aus der Fischkrise? Vielleicht doch. Vielleicht versorgen uns in den kommenden Jahren biologische Fischfarmen mit den gesunden und wohlschmeckenden Meeresbewohnern; vielleicht wird bald Fisch im Nachbarhaus gezüchtet, oder Windenergie liefert als "Abfallprodukt" köstliche Muscheln. Oder künftige Fischgerichte stammen aus einer besonders ausgeklügelten Form der Käfighaltung.