In den Forschungsställen der Tierärztlichen Hochschule Hannover leben rund 500 Hühner unter wissenschaftlicher Obhut, stellvertretend für 45 Millionen Legehennen, die in Deutschland täglich ihre Eier legen. Seit dem Verbot der Käfighaltung sind Forschungshühner gefragter denn je. Im Forschungsgut Ruthe wird an neuen Systemen geforscht, wie die Tierhaltung der Zukunft aussehen soll.
In den herkömmlichen Legebatterien fristen Hunderttausende von Hühnern ein jämmerliches Dasein. Von Wohlbefinden oder artgerechter Tierhaltung kann keine Rede sein. Politik und Tierschützer sind sich einig, dass sich hier schnell etwas ändern muss.

Jeder Bundesbürger verzehrt im Schnitt 205 Eier pro Jahr. Hochgerechnet sind das rund 16 Milliarden Stück. Um die riesige Nachfrage zu decken, bedarf es einer gigantischen Maschinerie. Selbst wenn wir auf das Frühstücksei verzichten würden, wäre das Problem nicht gelöst. Ein Großteil der 40 Millionen Eier täglich kommt nicht ins Supermarktregal, sondern landet in der Industrie für Kekse, Kuchen oder Nudeln. Das Problem, wie diese Großindustrie unter neuen Bedingungen weiter funktionieren kann, ist noch nicht gelöst.
Glückliche Hühner sucht man in den herkömmlichen Legebatterien vergeblich. Die Tiere stehen dicht gedrängt im Drahtverhau. Die Enge führt zu gesundheitlichen Schäden, die Hühner können ihr arteigenes Verhalten nicht ausleben. Der angeborene Trieb zu scharren und zu picken, richtet sich gegen die eigenen Artgenossen. Die Hennen leiden unter schwersten Verhaltensstörungen.

Von den geschlüpften Küken überleben nur die braunen, weiblichen. Die männlichen Küken, erkennbar am gelben Flaum, können keine Eier legen und wandern als Tierfutter in Zoos oder Pelztierfarmen. Der millionenfache Kükentod wird bei allen Haltungsformen in Kauf genommen: egal ob Käfig - Bio- oder Bodenhuhn. Weibliche Küken wandern nach einer Impfung in die industrielle Eierproduktion.

Dr. Christian Sürie von der Tierärztlichen Hochschule Hannover studiert seit Jahren das Sozialverhalten der Hennen, um die Lebensbedingungen in der Käfighaltung zu verbessern. Dr. Sürie: "Wir erforschen die Kleingruppenhaltung, die der Henne mehr Komfort und Wohlbefinden ermöglicht. Wichtig sind die gleiche Leistung und die Gesundheit des Tieres."
Kleingruppenhaltung könnte die Lösung des Dilemmas sein. Der Wissenschaftler hat diese Haltungsform mitentwickelt und hofft, dass sie den Spagat zwischen Tierschutz und industrieller Produktion leisten kann. Bei seinen Beobachtungen im Hühnerstall geht Dr. Christian Sürie stets der Frage nach, unter welchen Bedingungen sich die Hennen am wohlsten fühlen. Geht es den Tieren gut, sind sie auch leistungsfähiger.

Ein wichtiger Faktor ist die Bewegungsfreiheit: Einem Käfighuhn standen bisher nur 550 Quadratzentimeter zu, die Fläche eines DIN A 4-Blattes. In der Kleingruppenhaltung sind es zwar auch nur 800 Quadratzentimeter, doch die Tiere haben zusätzlich Sitzstangen, Tränken und Rückzugsmöglichkeiten für die Ei-Ablage. Eierlegen verrichtet die Henne gerne im Verborgenen. Dr. Sürie hat festgestellt, dass Hennen miteinander kommunizieren, wenn sie sich wohl fühlen. Geht es den Hühnern schlecht, reden sie wenig und es ist ruhig im Stall. Gepflegte, saubere Hennen haben auch einen klaren Blick und sind aktiv.

An der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft arbeiten Wissenschaftler am "Huhn der Zukunft". Die Bodenhaltung wird an Bedeutung zunehmen, doch eine leistungsstarke und pflegeleichte Bodenhenne fehlt. Prof. Rudolf Preisinger ist ein weltweit führender Hühnerzüchter. Der Agrarforscher hat den Hühnerstall in eine High-Tech-Voliere verwandelt. Die etwa 400 Hennen werden rund um die Uhr überwacht.
Stefan Thurner kontrolliert die von ihm entwickelten Spezial-Nester, das so genannte Weihenstephan-Muldennest. Metallische Stangen sollen verhindern, dass mehrere Hennen gemeinsam ein Nest aufsuchen. Das System funktioniert nur, wenn jedes gelegte Ei einzeln erfasst werden kann. Das Eierlegen kann je nach Henne zwischen einer Minute und drei Stunden dauern. Danach muss das Ei elektronisch erfasst werden. Aber die Tiere erweisen sich als überaus eigenwillig.

Professor Rudolf Preisinger, Genetiker: "Der Konsument erwartet saubere, qualitativ einwandfreie Eier. Die können wir nur produzieren, wenn die Hühner regelmäßig in die Nester gehen. Das heißt, wir identifizieren das Tier und ermitteln tagtäglich, wann und wie regelmäßig das Huhn ins Nest geht, damit wir später Familienmitglieder selektieren können, die regelmäßig die Eier in das Nest legen." Nur mit diesen Hennen lässt sich Nachwuchs züchten, der auch Profit verspricht.

Noch vor Ort prüft Professor Rudolf Preisinger die Dicke der Eierschale, das entscheidende Merkmal für die Qualität des Eis und der Leistungsfähigkeit der Henne. Seit drei Jahren läuft dieser Langzeitversuch. Erst wenn er zum erhofften Erfolg führt, zahlt sich der Aufwand aus. Noch sind einige Probleme ungelöst: So landen zehn Prozent der Eier außerhalb des Nestes und dürfen nicht verkauft werden - eine untragbare Umsatzeinbuße.
Die Zeit wird langsam knapp für die Forscher: Am 7. April 2006 beschloss der Bundesrat die Änderung der Nutztierhaltung. Die herkömmliche Käfighaltung läuft Ende Dezember 2008 aus und kann nur mit Ausnahmegenehmigung bis 2009 verlängert werden. Bis dahin wird weiter am Huhn der Zukunft geforscht und nach der alternativen Haltungsform gesucht, die Henne und Mensch gerecht wird.