Wenn in der Kette der medizinischen Notfallversorgung ein Fehler gemacht wird, kann das Menschenleben kosten. Rettungsteams vollbringen unter Zeitdruck Höchstleistungen. In kritischen Situationen müssen sie die richtigen Entscheidungen treffen und möglichst fehlerfrei im Team zusammenarbeiten. Im Simulatorzentrum der Universitätsklinik Dresden trainieren Ärzte, Studenten, Sanitäter und Schwestern für den Ernstfall.
Im Kampf um Leben und Tod zählen Erfahrung und schnelle Entscheidungen - und vor allem: die richtigen Entscheidungen. Lückenlos muss das Zusammenspiel der Rettungskette funktionieren. Es beginnt in der Leitstelle, wo der Notruf aufläuft. Hier wird entschieden, welches Rettungsmittel ausrückt.

Bei einem Hubschraubereinsatz ist die Rettungsmannschaft innerhalb von zwei Minuten in der Luft. Nun gilt höchste Konzentration für Pilot und Arzt. Erst nach dem Start werden sie über die Lage vor Ort informiert. Alles hängt jetzt von einer perfekten Kommunikation ab zwischen Hubschraubercrew und dem Rettungsteam am Boden - auch das Leben der Retter. Jede Landung, jeder Einsatz ist eine Herausforderung für das ganze Team.

Ohne Zeitverzögerung muss geklärt werden, ob ein Rettungswagen schon vor Ort ist oder ob das Luftrettungsteam sich selbst einen Landeplatz suchen muss. Ein Teammitglied bündelt alle Informationen und hält Kontakt zu den Kollegen am Boden. Jedes Detail ist überlebenswichtig. Der Zeit- und Entscheidungsdruck sind enorm hoch. In jedem Augeblick können Fehler gemacht werden, die fatale Folgen haben können.
Alarmierend ist die Häufigkeit menschlichen Versagens bei Notfällen. Dr. Michael Müller vom Interdisziplinären Simulatorzentrum Medizin Dresden, ISIMED: "Der überwiegende Anteil - wir gehen von 50 bis 80 Prozent aus - basiert auf einfachen psychologischen Fehlern im Handeln und nicht aus fehlendem Fachwissen oder mangelnder Expertise."

Damit so wenig Fehler wie möglich passieren, werden Rettungsteams am Uniklinikum in Dresden am ISIMED, dem Interdisziplinären Simulatorzentrum für Medizin, geschult. Für das Training der Rettungsteams stehen Operationssaal, Aufwachraum, Schockraum und Patientenzimmer einer Normal- und Intensivstation mit Endoskopiesimulation zur Verfügung. Hier trainieren die Teams in einer völlig realistischen Umgebung mit speziell geschulten Instruktoren.

Dr. Michael Müller: "Der Simulator kann sprechen wie ein echter Mensch. Es ist ein Mikrofon eingebaut, und er wird von einem Instruktor gesteuert, der hinter der Spiegelglasscheibe für das Rettungsteam unsichtbar ist. Der künstliche Patient kann blinzeln, hat lichtreaktive Pupillen und reagiert auf circa 80 Medikamente wie ein echter Mensch. Am Überwachungsmonitor werden die Vitalfunktionen, die Lebensfunktionen des Simulators realistisch wie im Operationssaal oder auf der Intensivstation abgebildet."
Realistische Situationen und Notfälle werden immer wieder in Simulationen und Trainingseinheiten erprobt. Es sind Fälle, wie sie täglich passieren können. Die Zeit ist extrem knapp. Um das Leben eines Patienten zu retten, müssen innerhalb von Sekunden die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Auch erfahrene Ärzte, wie Petra Pregnitz, werden so an ihre Leistungsgrenzen getrieben. Ihr ganzes Können ist gefordert, nichts ist vorhersehbar.

"Ein wesentliches Grundprinzip von Hochleistungsteams ist die Bereitschaft und die ausgeprägte Fähigkeit zur Reflektion: Wie haben wir gehandelt? Welche Fehler haben wir gemacht? Warum haben wir sie gemacht und wie können wir sie abstellen?", erklärt Professor Peter Pawlowsky von der Technischen Universität Chemnitz.

Emotional noch unter dem Eindruck der Simulation, bespricht das Team offen sein Vorgehen, um daraus zu lernen. "Man braucht die kritische Einsichtsfähigkeit der Mitarbeiter," sagt Dr. Thea Koch: "Man muss eine Fehlerkultur etablieren, die zulässt, dass man über Defizite, Schwächen und Fehler spricht."
Normalerweise geht man davon aus, dass man zunächst lernt und das Gelernte in die Tat umsetzt. Der Lernprozess von Hochleistungsteams geht vom umgekehrten Grundprinzip aus (After Action Review). Zuerst kommt die Handlung, und durch die Reflektion des Handelns wird gelernt. Diese zweite Phase des Lernens wird oft unterlassen, weil die Zeit fehlt, um zu reflektieren und man nicht darüber nachdenkt, wie man gehandelt hat. Persönliche Selbstanalyse und optimale Kommunikation sind die Voraussetzungen zur perfekten Teamarbeit. Und darin liegt das Geheimnis von Hochleistungsteams.