Ägypten ist zu 94 Prozent mit Wüste bedeckt. Wasser ist Mangelware. Doch ausgerechnet dort gedeihen Obst und Gemüse für deutsche Ökoläden. Mittlerweile ist Ägypten von allen Nicht-Industrienationen der Welt das Land mit dem höchsten Marktanteil ökologisch erzeugter Produkte.

Die Richtlinien für biologisch-dynamischen Landbau sind streng, und Yousri Hashem sorgt dafür, dass sie eingehalten werden. Seit fast zwanzig Jahren ist er in Ägypten als Kontrolleur im Auftrag der Bio-Branche unterwegs. Nachhaltige Landwirtschaft ist für ihn zum Zukunftsmodell seines Landes geworden. Seine Kontrollen sind stets unangemeldet und oft unbeliebt.
Nach deutschen Öko-Standards sind weder Pestizide noch Kunstdünger erlaubt. Und das in einem Land, wo früher ein verschwenderischer Umgang mit Chemikalien herrschte und Böden, Wasser und Luft durch Pesitizde verseucht waren. In dieser Situation haben viele Bauern umgedacht und sind in den letzten Jahren immer mehr vom konventionellen auf den bio-dynamischen Anbau des deutschen Bioverbandes Demeter umgestiegen.
"Sekem" war der Pionier dieser neuen Idee. Die erste bio-dynamische Farm Ägyptens zählt heute zu den Größten im Öko-Geschäft. Ihr Gründer, Ibrahim Abouleish, erhielt dafür den alternativen Nobelpreis. Nun leitet sein Sohn Helmy die Firma, an deren Erfolg vor dreißig Jahren nur wenige glaubten. Für viele klang es verrückt, und die Skepsis war groß. Man befürchtete, dass die biologische Landwirtschaft zum Brutherd für Insekten und Erkrankungen wird, die das ganze Land überziehen. Als die Bauern schließlich sahen, dass die Pflanzen gesund waren, schlossen sie sich an.
Der Begriff "Sekem" bedeutet "sonnenhafte Lebenskraft". Das Unternehmen wurde 1977 gegründet und beschäftigt heute über 2000 Menschen. Aus biologischem Anbau werden Lebensmittel, Heilkräuter und Textitlien produziert. Im Jahre 2003 erhielt der Gründer Ibrahim Abouleish den alternativen Nobelpreis.

Was auf 70 Hektar steinigem Wüstenboden mit einigen Allgäuer Milchkühen für die Kompostgewinnung begann, ist heute ein Großunternehmen mit einem Umsatz von knapp 30 Millionen Euro im Jahr. Mit dem Anbau von Heilkräutern erwirtschaftet Sekem gut die Hälfte seines Gewinns.
Aus Europa importierte Abuleish die anthroposophische Lehre Rudolf Steiners, nach deren Prinzipien Demeter seine Landwirtschaft betreibt. Dazu gehört unter anderem, dass mit Dung gefüllte Kuhhörner den Boden beleben und kosmische Kräfte sammeln sollen. Es ist ein esoterisches Weltbild, in dem Tiere, Pflanzen, Erde und Kosmos zusammenwirken. Kuhdung, angereichert mit speziellen Heilpräparaten, soll zu optimaler Bodenentwicklung führen. Um das Demeter-Siegel zu bekommen, müssen die Bauern auch spirituelle und kosmische Faktoren wie Mondrhythmen beachten.

Um ihre Produkte zu vermarkten, haben bereits 50-60 Prozent der Ägypter auf Demeter umgestellt. Bei vielen steht das Geld, der ökonomische Aspekt, im Vordergrund. Aber inzwischen glauben auch 40-50 Prozent der Landwirte an die Demeter-Kultivierung, meint Yousri Hashem.
Hauptschwierigkeit ist und bleibt die Bewässerung der trockenen Böden. Abouleish ließ dafür einen hundert Meter tiefen Brunnen bohren. Aber vor allem ein spezielles Tröpfchensystem hält den Wasserverbrauch so gering wie möglich. Mit dem Bewässerungssystem von Sekem werden 30-40 Prozent weniger Wasser verbraucht, was ein großer Fortschritt für Ägypten ist. Trotz des wasserreichen Nils lebt das Land, was das Wasser pro Kopf angeht, unter der Armutsgrenze.

Für Hashem liegt die Zukunft Ägyptens in der Landwirtschaft, egal ob biodynamisch oder konventionell. Das Land brauche biodynamische, organische, konventionelle, aber vor allem nachhaltige Landwirtschaft, um die Qualität und Quantität der Produkte zu steigern und um wettbewerbsfähig zu sein. Ökologische Landwirtschaft ist in Ägypten ein Erfolgsmodell - zumindest so lange der Bio-Boom in reichen Ländern noch anhält.